Edition Albin Müller
Die Trinkbecher von Uli Aigner sind die direkte Übernahme eines Gestaltungselementes der Originalausstattung des Sanatoriums Dr. Barner. Es handelt sich um einen Becher, den der Architekt und Innenausstatter des Sanatoriums, Albin Müller, für dieses entworfen hat. Dieser Entwurf ist wichtiges Zeugnis des Anspruchs, das Sanatorium Dr. Barner mit den dort benötigten Gebrauchsgegenständen als Gesamtkunstwerk zu konzipieren und umzusetzen, mit der Vorstellung, dass die Kunst des Bauens und der Einrichtung wesentlich zur Gesundung beitrügen.
Das Ornament verlor den Ruf, schiere Dekoration zu sein. Vielmehr galt es nun als Mittel des Ausdrucks, das wiederum eigene Wirkmacht auf die Betrachtenden entfalten konnte. Es wurde verstanden als Lebenslinie, die psychische und physische Bewegungen bewahrte und daher auch Einfluss auf die Gestalt der Gesellschaft nehmen konnte – eine Vorstellung, die um 1900 philosophisch, wissenschaftlich und einfühlungstheoretisch grundiert wurde.
Aigner hat die Grundform des Bechers von Albin Müller übernommen, variiert diese aber, um den verschiedenen Vorlieben der Nutzer*innen entgegenzukommen. Auch das ornamentale Band am oberen Rand hat Aigner weggelassen. 70 verschiedene Varianten hat die Künstlerin gedreht, um sie den Patient*innen zum Gebrauch im Sanatorium, aber auch zum Erwerb für die weitere Nutzung zu überlassen. Das Projekt steht im Rahmen eines größeren: One Million, vor neun Jahren begonnen, ist als Aigners Lebensprojekt, ja als über ihre Lebenszeit hinausreichendes Unternehmen geplant. Die Künstlerin hat sich vorgenommen eine Million Gefäße anzufertigen für unterschiedlichste Gebrauchszusammenhänge, sei es die Küche ihrer Mutter, ein Hospiz für Obdachlose, ein Museum oder eben das Sanatorium Dr. Barner. Aigner erkundet die Bedürfnisse, Vorlieben und Gewohnheiten zukünftiger Nutzer*innen mit dem Ziel, die unterschiedlichsten Milieus, in denen die Gefäße zirkulieren, zusammenzubringen.
Wie schon im Jugendstil verbindet die Künstlerin neue Verfahren der Entstehung, der Distribution und der Rezeption gestalterischer Arbeit. Aigner macht keinen Unterschied zwischen dem, was lange als Hochkunst aus der Gebrauchswelt ausgegliedert wurde, und dem Kunsthandwerk, das eben wegen seiner Handwerklichkeit nicht als wirkliche Kunst galt. Aigner geht es aber nicht allein um Gebrauchszusammenhänge künstlerischer Gestaltung, sondern auch um die Durchdringung der Techniken und Technologien, mit denen sie arbeitet – auch dies eine Parallele vieler gestalterischen Arbeiten im Jugendstil, die neue Materialien und Technologien, so zum Beispiel die Möglichkeiten der sich gerade ausbreitenden Elektrifizierung auch der Alltagswelt, ausloteten.
Beate Söntgen


Item 11620
02/2026

Item 11619
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